Leben im UK als Deutscher (Liukad) #4: Temperaturunempfindlichkeit

Die Serie “Leben im UK als Deutscher” ist eine Gastbeitrag-Reihe von Julia, die normalerweise auf 49suns.de schreibt. Derzeit lebt sie in Edinburgh und von dort berichtet sie über ihre Erfahrungen auf der Insel.

Die Temperaturen sind auch hierzulande mittlerweile um die Null Grad und wir hatten sogar schon ein paar Schneeflocken. Als Normalsterblicher begegnet man diesem Naturereignis mit entsprechend angepasster Kleidung. Briten, und ganz besonders Schotten, fallen allerdings nicht in diese Kategorie. Die laufen immer noch hier und da mit T-Shirts oder kurzen Stoffhosen und Chucks durch die Gegend. Seitdem ich darauf achte, sind die Jogger in Shorts in der eindeutigen Mehrheit. Selbst bei knapp unter Null und Eis auf den Straßen lässt die präferierte Laufkleidung die Beine frei. Zu beobachten z.B. auch beim Great Winter Run vor vier Jahren:

Great Scottish Winter Run 2009

Beim nächsten Mal werde ich auch dabei sein, aber garantiert mit langer Hose und Thermounterhemd. Ich habe mal einen Läufer gefragt, warum er denn unbedingt Shorts anzieht und er meinte „they are much more comfortable than those long running tights“. Seltsame Vorstellung von Komfort! Als Test bin ich auch einige Male bei ca. fünf Grad mit Dreiviertelhose laufen gewesen und es ist tatsächlich auszuhalten. Kurzärmelig würde ich allerdings nicht empfehlen, denn die Arme frieren sonst evtl. ab. Auf dem Rad werde ich das nicht testen, wobei ich in den letzen Tagen einige Unerschrockene mit knielangen Hosen gesehen habe.

Ein Argument, das ich öfter gehört habe, war „You dress for the second mile“. Das hat tatsächlich seinen Sinn, denn auch wenn man anfangs friert, hat man den ganzen Rest der Strecke adäquate Kleidung. Ist allerdings doof, wenn man nicht munter durch die Gegend radelt, sondern bibbernd an der Bushaltestelle steht.

Man könnte nun sagen, dass Sportler eine besondere Spezies sindt. Doch weit gefehlt. Wie schon erwähnt, sieht man auch hin und wieder Leute im T-Shirt oder Bermuda-Shorts, z.B. im Bus. Es kann natürlich sein, dass meine selektive Wahrnehmung mir hier einen Streich spielt, aber ich bin fest davon überzeugt, dass in Deutschland wesentlich weniger Menschen bei diesen Temperaturen mit nicht adäquater Kleidung rumlaufen.

Hummer Limo
(Party in Glasgow – laut Beschriftung aufgenommen am 1. Januar)

Ein weiterer Spezialfall sind Mädels, die nachts am Wochenende in Miniröcken und bauchfreiem Top durch die Innenstädte taumeln. Als Erklärung wurde mir vermittelt, dass das daran liegt, dass man in den meisten Clubs für die Garderobe zahlen muss. Man spart also ein Pfund pro Club, um sich dann einen Cocktail mehr leisten zu können. Oder alternativ eine bessere Prothese. Laut einem Museum im Edinburgh Castle ist die Amputationsrate aufgrund von Zirkulationsproblemen zehnmal höher als durch Unfälle (laut der National Amputee Statistical Database). Wobei das eher auf Diabetes, Rauchen und Krankheiten zurückzuführen sein wird, aber der sorglose Umgang mit ausreichenden Kleidungsschichten spielt sicher eine Rolle.

Als Lektion dieser Ausgabe nehme ich also mit, dass es nicht immer mollig warm beim Aus-der-Türe-gehen sein muss, aber das man trotzdem der Kälte ausreichend vorbereitet begegnen sollte. Der goldene Mittelweg wie es so schön heißt.

4 Comments

  1. Reni

    Ich meine mich zu erinnern, dass zur Schuluniform von Grundschulkindern früher kurze Hosen gehörten, egal zu welcher Jahreszeit. Lange Hosen waren den älteren Schülern vorbehalten. Das härtet ab :-). Ich weiß nicht, ob das heute auch noch so ist. Please correct me if I’m wrong.

  2. Patricia

    Es hat sich also nichts geändert, seitdem ich im Winter 1990 selbst für drei Monate in Edinburgh war. Wir Austauschstudenten liefen mit Wintermänteln, Mützen und Handschuhen herum (und ich bin aus München, wo es auch ganz schön kalt wird!), die jungen Schottinnen mit kurzen Ärmeln, Miniröcken und nackten, blauen Beinen… Na, wenigstens trinken sie unter der Woche genug Tee, so dass sie doch nicht jedes Wochenende eine Blasenentzündung bekommen. 🙂

  3. @Reni falls das jemals so war ist das heute auf jeden Fall nicht mehr so. Eher andersherum, zumindest bei den Maedchen wo die Teenager teilweise versuchen so viel Haut wie nur moeglich zu zeigen.

  4. Oliver

    Engländer sind von früh an abgehärtet. Bei uns wohnten früher viele englische Soldatenfamilien. Da konnte man kleine Jungen im Winter mit kurzen Hosen antreffen. Mädchen liefen auch bei Frost und Schnee in Röcken und Söckchen rum. Manche junge Mütter waren auch ganzjährig luftig angezogen. Aber meistens waren die Eltern der Kinder im Winter warm eingepackt. Warum ließen sie aber ihre Kleinen mit nackten Beinen laufen?
    Ich habe noch folgendes Bild vor mir: Schnee, ca -7 Grad, Tochter, vielleicht fünf Jahre alt: Wintermantel, Mütze, Schal Handschuhe und Stiefel, aber mit nackten Beinen, wie passt das zusammen?