Barristers, Solicitors und noch mehr Rechtsanwälte

Der Einladung vom Markus folgend kläre ich heute ein paar geläufige englische Rechtsberufe, die dauernd in Büchern oder Filmen auftauchen und nicht direkt übersetzt werden können. Das englische Rechtssystem hat eine lange Tradition, unterlag zuletzt vielen Reformen und entwickelte sich auch noch auf unterschiedlichen Kontinenten fort. Daher ist es mit einer simplen Berufsbezeichnung wie „Rechtsanwalt“ nicht getan. Noch übersichtlich sind die Begriffe „client“, also Mandant und „judge“ was Richter heißt. Bei anderen Personen, im „court“, d.h. im Gerichtssaal, wird es komplizierter.

Lawyer“ ist ein Sammelbegriff für alle Personen, die in irgendeiner Form Rechtsberatung ausüben. Seine Reichweite ist unterschiedlich, aber in der Regel umfasst er nur „solicitors“, „barristers“ und „attorneys“.

Ein „solicitor“ ist ein Rechtsanwalt, der traditionell allgemeine Rechtsberatung leistete und nicht vor Gericht auftreten durfte. War der Fall anspruchsvoller und verlangte einen Spezialisten ließ sich der „solicitor“ von einem „barrister“ beraten. Dieser war auch nötig, wenn der Fall vor Gericht verhandelt werden sollte. Umgekehrt brauchte der barrister einen „solicitor“, weil er selbst keine Mandanten beraten durfte. Insgesamt war der „barrister“ aber höher gestellt und angesehener als der „solicitor“. In Schottland ticken die Uhren wieder etwas anders und so werden dort „barristers“ „advocates“ genannt.

"The Bar" im High Court in Auckland/Neuseeland.

"The Bar" im High Court in Auckland/Neuseeland.

Der Begriff „barrister“ kommt von „the bar„, einer hüfthohen Wand zwischen dem Bereich, in dem das Publikum sitzt und dem Bereich, wo die am Gerichtsverfahren beteiligten Personen agieren. In Deutschland habe ich so eine Absperrung noch nicht gesehen und auch in englischen sowie amerikanischen Gerichten verschwindet sie zunehmend und existiert nur noch symbolisch. Weiter existiert der Begriff in „the bar exam“, was in etwa der zweiten juristischen Staatsexamen entspricht und von dem „call to the bar„, also die Zulassung vor Gericht auftreten zu dürfen, gefolgt wird.

Und wo wir schon „at the bar“ sind, was soviel wie „vor Gericht“ heißt, können wir uns weiter umschauen. Für den Bereich wo die Richter sitzen gibt es nämlich auch einen Begriff, der „the bench„, d.h. die (Richter)-Bank heißt. Auch dieser Begriff wird oft als Synonym für „das Gericht“ verwendet. Man kann also „the bench decided …“ sagen.

Heutzutage hat (bis auf Ausnahmen wie Schottland) ein „solicitor“ sehr ähnliche Rechte wie der „barrister“ und umgekehrt. Dennoch blieben die alten Berufsbezeichnungen erhalten und so nennen sich allgemein praktizierende Rechtsanwälte weiterhin „solicitors“ und die Spezialisten „barristers“. Auch deutet „barrister“ darauf hin, dass ein Rechtsanwalt in der Prozessführung vor Gericht besonders geübt ist und vor höheren Gerichten auftreten darf. In Australien und hier in Neuseeland wurden die beiden Berufsgruppen „fused“, d.h. vereinigt und so nennen sich die hiesigen Rechtsanwälte „barrister and solicitor“.

In den USA wird es wieder etwas einfacher, denn der dort tätige Rechtsanwalt nennt sich „attorney at law“ oder kurz „attorney“. Eine Trennung zwischen barrister and solicitor gibt es nicht.

Wenn ein Rechtsanwalt einen Mandanten berät, nennt man ihn auch ein „legal counsel“ oder „counsel at law“, was keine Berufs- sondern eine Funktionsbezeichnung ist und soviel wie Rechtsbeistand heißt.

Neben den Rechtsanwälten gibt es noch die „legal executives“ oder im amerikanischen Bereich die „paralegals„. Das sind Personen, die nur Aufsicht eines Rechtsanwalts Rechtsberatung leisten dürfen und ihm in der Regel zuarbeiten.

So, ich hoffe nun John Grisham Leser und die Fans englischer Krimis (wie mir) das Leben etwas erleichtert zu haben. Fragt aber keinen „barista“ nach einer Rechtsberatung, denn dieser kann Euch nur einen guten Kaffee ausschenken. :)

Thomas Schwenke ist Rechtsanwalt für Onlinerecht & Blogger auf Advisign.de. Derzeit bildet er sich in Neuseeland im Copyright fort und bloggt von dort aus im Kiwispotting-Blog.

14 Comments

  1. Marleen

    Solicitor kann – glaube ich – auch Notar heißen… wie ist da der komplizierte Zusammenhang?

  2. @Marleen: LOL, die habe ich extra nicht reingebracht, weil es dann doch zu verwirrend wäre. 😉

    Was der Notar macht ist hauptsächlich wichtige Vorgänge wie z.B. Grundstücksübertragungen beurkunden. Quasi so, als ob er noch als Siegelträger für den Staat arbeitet. In Deutschland braucht ein Notar die gleiche Ausbildung wie ein Rechtsanwalt oder Richter. Oft ist ein Rechtsanwalt zugleich auch ein Notar.

    Das trifft im englischen Recht auch für einen „notary“ zu. In den USA gibt es dagegen den „notary public“, der ähnliche Funktionen hat, jedoch keine gleiche Ausbildung, wie ein Rechtsanwalt braucht.

    Also in Deutschland ist „Notar“ oft eine Zusatzfunktion eines Rechtsanwalts (Oder zumindest jemanden gleicher Ausbildung). Und was der Notar macht ist hauptsächlich wichtige Vorgänge wie z.B. Grundstücksübertragungen beurkunden. Quasi so, als ob der Rechtsanwalt noch als Siegelträger für den Staat arbeitet.

    Im Englischen ist diese Funktion, soweit ich das weiß, nicht an den Rechtsanwaltsqualifikation gekoppelt.

  3. oops, habe vergessen den alten Teil ab „Also in Deutschland ist “Notar”“ zu löschen. Vor allem gilt der letzte Satz für die USA. Wunsch: Kommentar-edit Plugin 😉

  4. Dein Wunsch wurde erfüllt :)

  5. Sehr nützlich. Ich wollte auch schon einen Kommentar zu John Grisham machen, aber du bist mir zuvorgekommen. 😀

  6. Von mir auch noch einmal vielen Dank für diese exzellente Zusammenstellung. Der Artikel gehört eigentlich in jedes Standardwerk zu diesem Thema… 😉

  7. @Steffen: Danke, aber um den verwirrenden Teil aus meinem Kommentar zu löschen bin ich zu spät aufgestanden. Das im wahrsten Sinne des Wortes. Good Morning! 😉

  8. Allerdings werden doch zumindest in den USA Staatsanwälte, meiner Erinnerung nach auch Verteidiger, vom Gericht wiederum als „counselor“ angesprochen. Ich hätte bisher gedacht, dass „lawyer“ eine allgemeine Gattungsbezeichnung ist, „attorney“ der Anwalt in konkreter Anwaltstätigkeit und „counselor“ der beratende Anwalt – insofern deckungsgleich mit den Ausführungen. Aber warum dann die Anrede vor Gericht als „counselor“?

  9. @Malte: Counselor heißt Berater und so kann es während einer Verhandlung einen counselor auf der Staatsanwaltsseite, wie einen auf der Seite der Verteidigung geben. Im Deutschen kann man auch von einem Rechtsbeistand sprechen.

    Deine Vermutung kann aber je nach Zeit und Bundesstaat der USA zutreffen. Tatsächlich gab es früher, aber nur in manchen Staaten der USA eine Trennung zwischen attorneys, die dann dem englischen solicitor entsprachen und den counselors, die in etwa einem barrister gleich kamen.

  10. Thomas, mein Held, endlich sehe ich durch! Danke :)

    Der nächste Schritt wäre der Staatsanwalt. Aber da wird es noch komplizierter, oder? Je nach Land (ist sogar in England und Schottland verschieden meine ich), Ebene und Bereich usw. Versuche gerade, endlich alle Rebus-Romane zu lesen und da kommt man schon etwas durcheinander, wenn man an die Amerikaner Kathy Reichs und Patricia Cornwell gewöhnt ist.

  11. @juliaL49: Gott sei dank, habe ich mit Strafrecht nicht viel am Hut. Ja, ich glaube, wenn man den Beruf des Staatsanwalts angehen würde, wäre der Text mindestens so lang. wie der oben. Wahrscheinlich noch länger. Alleine in den USA haben die je nach Staat verschiedene Bezeichnungen. Und Schottland ist fast immer alles anders. Besonders im Recht, weil die kein reines common law haben die die Engländer und auch kein reines civil law, wie die Festlandeuropäer, sondern irgendeine Mischung von den beiden. 😉

    Rebus kenne ich nicht, ich lese nur Martha Grimes, weil ich SI Jury so mag. Reichs habe ich nach vier Büchern aufgegeben, weil mir die Geschichten zu ähnlich waren. Zudem hatte ich mir die Frau immer irgendwie behäbig sowie älter vorgestellt und dann hatte sie plötzlich so Liebesdinge gemacht. Da war ich schon geschockt. 😉

  12. Hihi, bei älteren Frauen und Sex ist der Thomas geschockt! Wenn dir das zu extrem ist, solltest du mal die Serie Bones in Angriff nehmen. Da ist die Hauptfigur halb so alt und ist (bis auf eine Ausnahme) sehr geschlechtlos.
    Mit Rebus meine ich die Figur, der Autor ist Ian Rankin.
    Von Martha Grimes habe ich schon gehört – werde ich mir mal demnächst vornehmen.

    PS: sorry, wenn das hier vom Beitrag abdriftet, aber es geht hier ja ums Englisch lernen und Bücher und Serien (auf englisch) erfüllen genau diesen Zweck.

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